Coaching und Karriereberatung:
Zwei Ansätze, ein gemeinsames Ziel
(Teil 2)
Die Unterschiede zwischen Coaching und Berufsberatung:
Zwei sich ergänzende Perspektiven
In Teil 1 unseres Treffens untersuchten Valeria Gatti und ich die Rollen von Coach und Karriereberater und gaben einen Überblick über ihre jeweiligen Tätigkeiten und Kompetenzen.
In diesem Artikel möchten wir einige Aspekte vertiefen,
um die Unterschiede zwischen diesen beiden Berufsrollen und damit auch zwischen
ihrer Arbeit und ihrem Aufgabenbereich besser zu verdeutlichen.
MTDD:
Valeria, beginnen wir mit den Unterschieden in Ursprung, Kontext und
ursprünglichem Zweck beider Rollen.
VG:
Selbstverständlich. Coaching entwickelte sich ursprünglich in der
angelsächsischen Welt, um die Leistungen von Profisportlern zu verbessern, und
später in Unternehmen, um die Leistung bestimmter Mitarbeiter zu steigern. Karriereberatung
hingegen entstand, um die berufliche Integration zu erleichtern, insbesondere
in Übergangsphasen wie Studienabschluss, Jobwahl, -wechsel oder -verlust.
MTDD: Manche
fragen sich vielleicht, ob es überhaupt wirkliche Unterschiede zwischen den
beiden gibt. Wie können wir etwaige Zweifel ausräumen?
VG: Wir
erklären, dass Coaching und Karriereberatung entstanden sind, um
unterschiedlichen Bedürfnissen gerecht zu werden: Coaching basiert auf Gallweys
Erkenntnissen aus der Welt des Sports und später der Wirtschaft, während
Beratung die berufliche Integration fördert. Diese unterschiedlichen Ursprünge
führten zu verschiedenen methodischen Schwerpunkten – Coaching auf Mäeutik und
wirkungsvollen Fragen, Karriereberatung auf spezialisierten Informationen und
Consulting –, doch heute sind beide Disziplinen Teil derselben ganzheitlichen
Sichtweise des Menschen.
MTDD: Könntest Du erläutern, was diese beiden Disziplinen
gegebenenfalls gemeinsam haben?
VG:
Beide Ansätze erkennen an, dass Karriereentscheidungen untrennbar mit dem
ganzheitlichen Wohlbefinden eines Menschen verbunden sind und dass Letzteres
nur dann erreicht wird, wenn sich ein Mensch erfüllt fühlt.
Beide berücksichtigen persönliche Werte, Beziehungen und
den Lebenskontext, um die Entfaltung des menschlichen Potenzials zu
ermöglichen.
Sowohl Coach als auch Karriereberater begleiten den
Einzelnen auf einem Weg zu mehr Bewusstsein, Autonomie und Selbstbestimmung.
Der Unterschied, sofern er überhaupt besteht, liegt eher
in der Schwerpunktsetzung als im Inhalt: Der Coach betont den
berufsbezogenen Prozess, ohne konkrete Informationen zum Arbeitsmarkt
bereitzustellen, während der Karriereberater die Unterstützung durch
spezialisierte Informationskompetenz ergänzt. Angesichts der vielfältigen
Herausforderungen unserer Gesellschaft ist es jedoch offensichtlich, dass
integrierte Ansätze zunehmend an Bedeutung gewinnen.
MTDD: Um
Erfolg zu haben, ist es unerlässlich, dass die Ansätze integriert oder
sozusagen „holistisch“ sind und die vielfältigen Aspekte, Realitäten,
Bedürfnisse und Potenziale jedes Einzelnen berücksichtigen. Der Erfolg eines
Menschen ist daher auch gleichbedeutend mit seinem Wohlbefinden. Genau hier
setzen Coaching und Karriereberatung an: Sie helfen dem Einzelnen, seine wahren
Werte zu erkennen und sich dieser vollends bewusst zu werden, denn nur auf der
Grundlage dieser Werte kann Erfolg erzielt werden.
VG:
Ganz genau, Maria Teresa. Ich stimme vollkommen zu. Werte sollten als zentraler
Punkt betrachtet werden.
Coaching und
Karriereberatung verfolgen ein gemeinsames Ziel: das Wohlbefinden des
Menschen durch authentische und nachhaltige Entscheidungen langfristig zu
fördern.
Persönliche Werte bilden das Herzstück der Begegnung.
Wenn ein Mensch erforscht, was ihm wirklich wichtig ist – seine Grundpfeiler –,
coacht er gleichzeitig (erkennt seinen inneren Kompass) und bietet Karriereberatung
(er identifiziert die Kriterien, die seine konkreten Karriere- und
Bildungsentscheidungen leiten).
Dieser gemeinsame Raum verdeutlicht Folgendes:
• Die Entdeckung der eigenen Talente und Ziele (und deren
Umsetzung in die Zukunft) ist ein Prozess, in dem Coaching und Karriereberatung
ineinandergreifen;
• Selbstbestimmung ist sowohl ein Coaching-Prinzip als
auch das oberste Ziel der Karriereberatung: die Person zu befähigen, nach ihren
eigenen Prinzipien zu entscheiden;
• Bewusstsein entsteht durch innere Erkundung und
Kenntnis des äußeren Kontextes;
• Handlungsfähigkeit ist die Übereinstimmung zwischen
persönlicher Vision und konkreten Möglichkeiten;
• Intrinsische Motivation ist das natürliche Ergebnis von
Prozessen, in denen sich persönliche Werte in den eigenen Entscheidungen
widerspiegeln.
MTDD:
Sind diese Elemente im Gleichgewicht, kann die Person ein ganzheitliches
berufliches Wohlbefinden erfahren, in dem sich innere und äußere Aspekte
gegenseitig unterstützen.
Coaching und
Karriereberatung sollten niemals als Gegensätze oder mögliche
Alternativen betrachtet werden, sondern als zu integrierende Ansätze, die sich
gegenseitig ergänzen und so die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.
VG:
Genau das ist der Punkt: Coaching und Karriereberatung schaffen in ihrer
synergistischen Anwendung einen umfassenderen Weg. Es geht nicht darum, eine
starre Methode anzuwenden, sondern darum zu erkennen, dass sich diese beiden
Ansätze auf natürliche Weise ergänzen und den Menschen stets in den Mittelpunkt
stellen.
In diesem integrierten Raum können Einzelpersonen:
• einen Raum für wertfreies Zuhören finden
• mehr Klarheit über ihre persönlichen Ressourcen,
Fähigkeiten und Werte gewinnen und erkennen, wie diese sich in marktgängige
Kompetenzen auf dem Arbeitsmarkt umsetzen lassen oder wie sie diese erwerben
können (Weiterbildungen, Zertifizierungen, Kompetenznachweise);
• ein tieferes Verständnis ihres beruflichen Selbst
erlangen, einschließlich des Zugangs zu aktuellen Informationen über Berufe,
Branchen und konkrete Möglichkeiten;
• Veränderungen und Übergänge mit emotionaler und
motivierender Unterstützung bewältigen und gleichzeitig Strategien und
Praktiken der Jobsuche oder Weiterbildungsprogramme erlernen, die ihnen helfen,
ihre Ziele zu erreichen;
• eine klare Vision ihrer gewünschten Zukunft entwickeln,
die authentisch (in ihren Werten verwurzelt), realistisch (im Kontext
verankert) und nachhaltig ist;
• selbstbestimmte berufliche Ziele definieren und diese
in konkrete Instrumente – Lebenslauf, Portfolio, LinkedIn-Profil, Vorbereitung
auf Vorstellungsgespräche – umsetzen, die ihren Wert effektiv kommunizieren.
Auf motivationaler Ebene erleben Menschen, dass die
Auseinandersetzung mit ihren Werten kein vom Erkennen konkreter Chancen
getrennter Vorgang ist: Sie bilden zwei Seiten desselben
Entscheidungsprozesses. Inneres Bewusstsein beflügelt strategische Entscheidungen,
während die Kenntnis des äußeren Umfelds den Wünschen konkrete Gestalt
verleiht.
Auf effektiver Ebene führt dieser integrierte Ansatz zu
fundierteren Entscheidungen, indem er alle Säulen einer Persönlichkeit in
Einklang bringt.
MTDD:
Lassen wir uns nun erläutern, wie der integrierte Ansatz das berufliche
Wohlbefinden fördert.
VG: Der
integrierte Ansatz fördert das berufliche Wohlbefinden auf folgende Weise:
1. Er hilft dem Einzelnen, ein tiefes Verständnis für
sich selbst zu entwickeln.
Im integrierten Coaching erkundet der Coachee seine
Kernwerte – was ihm wirklich wichtig ist – und analysiert gleichzeitig seine
fachlichen und übergreifenden Kompetenzen mithilfe strukturierter Instrumente.
Er erkennt seine natürlichen Stärken und versteht seine konkrete Position auf
dem Arbeitsmarkt. Dabei werden Verhaltensmuster identifiziert, die ihn hemmen
oder motivieren, und gleichzeitig sein Lernstil und seine spezifischen
Begabungen entdeckt. Die Erkenntnis „Wer bin ich?“ und die Erkenntnis „Was kann
ich bieten?“ sind untrennbar miteinander verbunden: Sie sind zwei Seiten
derselben Medaille.
2. Er unterstützt den Einzelnen dabei, authentische und
nachhaltige Entscheidungen zu treffen.
Der Coachee lernt, die Emotionen, die seine
Entscheidungen beeinflussen, zu erkennen und zu steuern und entwickelt die
Fähigkeit, auf seine Intuition zu hören. Gleichzeitig sammelt er verlässliche
Informationen und bleibt über den Markt, Weiterbildungsprogramme und konkrete
Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung informiert. Sie richten ihre
Karriereentscheidungen an ihren Werten und ihrer Lebensvision aus und wägen
dabei strukturiert die Vor- und Nachteile verschiedener Optionen ab. Ihre
Entscheidungen werden fundierter, da sie persönliche Authentizität und ein
Verständnis für die praktischen Konsequenzen einbeziehen.
3. Der/Die Coachee lernt, sich bewusst und effektiv in
der Arbeitswelt zu bewegen.
Er/Sie entwickelt Resilienz, um auf Marktveränderungen zu
reagieren, und stärkt das Vertrauen in die eigene Anpassungsfähigkeit.
Gleichzeitig erwirbt er/sie konkrete und effektive Strategien für die Jobsuche.
Auch angesichts von Hindernissen behält er/sie Fokus und Motivation und lernt,
seinen/ihren Wert klar und überzeugend in Lebenslauf, LinkedIn-Profil und
Vorstellungsgesprächen zu kommunizieren. Er/Sie baut ein tragfähiges
berufliches Netzwerk auf, basierend auf einem klaren Verständnis davon, wer er/sie
ist, wo er/sie hinwill und warum er/sie in seinem/ihrem Bereich/Beruf der/die
Beste ist. Die integrierte Unterstützung ermöglicht es ihm/ihr, authentisch und
gleichzeitig strategisch erfolgreich auf dem Markt zu agieren.
MTDD: In
diesem zweiten Artikel haben Valeria Gatti und ich weitere grundlegende Aspekte
von Coaching und Beratung untersucht. Wie wir gesehen haben, entstanden die
beiden Prozesse, um unterschiedliche Bedürfnisse zu erfüllen – Bedürfnisse, die
in der Vergangenheit recht getrennt waren. Heute haben sich selbst die Grenzen
unserer Bedürfnisse verschoben und sind weniger klar definiert als früher.
Übergänge und Transformationen, Arbeitsplatzunsicherheit und die digitale
Revolution haben tiefgreifende Veränderungen für alle Berufstätigen erzwungen.
Berufliche Wege sind – und werden es zunehmend sein – von regelrechten Erdbeben
geprägt, die oft plötzlich eintreten.
Dialog, Raum zum Zuhören und integrative Techniken sind
mögliche Strategien, um sich selbst zu stärken, die eigenen Werte zu achten und
Wohlbefinden zu erreichen.
Valeria und ich freuen uns darauf, diese faszinierenden
und gleichermaßen notwendigen Disziplinen weiter zu erforschen, die heute nicht
nur ein gültiges, sondern ein wirklich wertvolles Instrument darstellen, um zu
verstehen, wer wir sind, wohin wir im Leben wollen und welcher Weg uns am
besten zum Erfolg führt. Wie wir bereits erörtert haben, ist dies möglich,
indem wir nicht nur vorhandene oder benötigte Bildungsabschlüsse, akademische
Leistungen und Zertifizierungen berücksichtigen, sondern auch unsere gesammelten
Erfahrungen und Fähigkeiten und vor allem unsere wahren Werte und unser
immenses menschliches Potenzial, das wir voll und ganz anerkennen müssen, um
den Erfolg zu erzielen, den wir verdienen.
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